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Bislang mussten nur wenige Firmen wegen der Pandemie Insolvenz anmelden. Doch die Indizien mehren sich, dass bei vielen Unternehmen das Geld knapp wird. Die durchschnittliche Verzugsdauer bei offenen Rechnungen steigt.   

Symbol-Bild.
Quelle: Photo by Annie Spratt on Unsplash

Insolvenzantragspflicht ist ausgesetzt

Auf den ersten Blick ist die Lage in der deutschen Wirtschaft trotz Pandemie noch erstaunlich gut. Insgesamt verzeichneten die deutschen Amtsgerichte im Mai nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gerade einmal 1.504 Firmenpleiten. Das waren 9,9 % weniger als im gleichen Vorjahresmonat. Die meisten Unternehmensinsolvenzen gab es dabei im Handel, einschließlich Kfz-Werkstätten, mit 247 Fällen. Unternehmen des Baugewerbes stellten 235 Insolvenzanträge. Im Bereich der freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen wurden 168 und im Gastgewerbe 164 Insolvenzanträge gemeldet. Ein wichtiger Grund für die vergleichsweise positive Entwicklung der Insolvenzzahlen ist allerdings, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen seit dem 1. März 2020 ausgesetzt ist, bankrotte Firmen mussten ihre Zahlungsunfähigkeit bis zum 30. September nicht kommunizieren. Die wirtschaftliche Not durch die Coronakrise spiegele sich somit bislang nicht wirklich in der Pleitebilanz wider, glauben Wirtschaftsexperten.
Diese These wird jetzt durch eine aktuelle Studie der Wirtschaftsauskunftei Creditreform untermauert: Danach werden immer mehr offene Rechnungen nur noch mit Verspätung bezahlt – ein Hinweis darauf, dass bei etlichen Firmen allmählich das Geld knapp wird. Das Zahlungsverhalten der Unternehmen sei aktuell so schlecht, wie noch nie seit Beginn der Erhebung im Sommer 2015, erklärte die Wirtschaftsauskunftei und warnte vor einer Kettenreaktion.

Liquidität stark verschlechtert

Die Creditreform-Experten haben rund 3,5 Millionen Rechnungsbelege aus dem 1. Halbjahr ausgewertet und resümieren: „Insgesamt hat die Krise einen spürbaren Druck auf die Liquidität erzeugt.“ Die durchschnittliche Verzugsdauer bei offenen Rechnungen in der deutschen Wirtschaft sei im ersten Halbjahr auf 10,82 Tage gestiegen, stellt Creditreform fest. Mit 2.188 Euro lag der Durchschnittsbetrag der verspätet bezahlten Rechnungen außerdem um gut 5 % über dem Vorjahresniveau und sogar rund 23 % höher als 2016. Besonders betroffen von negativen Auswirkungen der Pandemie auf das Zahlungsverhalten seien Exportbranchen und die Industrie. Ein Anstieg der Zahlungsverzögerungen bedeute für die davon betroffenen Vorlieferanten und Kreditgeber höhere Ausfallrisiken, warnte Creditreform. „Damit droht eine Kettenreaktion insbesondere in stark verflochtenen Wirtschaftsbereichen bis hin zu vermehrten Insolvenzanmeldungen.“

In einer Pressemitteilung gibt das Bundesministerium der Justiz und Verbrauchersachutz bekannt, das die Aussetzung der Antragspflicht bis zum 31. Dezember 2020 verlängert werde. Diese Verlängerung soll jedoch nur für Unternehmen gelten, die infolge der COVID-19-Pandemie überschuldet sind, ohne zahlungsunfähig zu sein. 

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht bewertet die Verlängerung wie folgt: „ …Die Rückkehr zu einer strikten Anwendung der Überschuldungsregeln wäre zum jetzigen Zeitpunkt kontraproduktiv. Unternehmen, die lediglich überschuldet, aber nicht zahlungsunfähig sind, sollen deshalb bis Ende des Jahres weitere Zeit bekommen, um sämtliche Sanierungs- und Refinanzierungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Denn bei diesen Unternehmen besteht die Aussicht auf eine dauerhafte Sanierung, wodurch Arbeitsplätzen erhalten und bestehende Strukturen bewahrt werden können. Umgekehrt müssen wir das Vertrauen in den Wirtschaftskreislauf aufrechterhalten und einen Schritt zurück in Richtung Normalität wagen. Unternehmen, die nach dem Auslaufen der bisherigen Regelung Ende September akut zahlungsunfähig sind, sollen deshalb wieder verpflichtet sein, einen Insolvenzantrag zu stellen.“

Zombie-Unternehmen befürchtet

Im Vorfeld der Verlängerung hielt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, das nicht für den richtigen Weg. „Eine Verlängerung der Frist würde einseitig zulasten der Gläubiger gehen und damit weitere Unternehmen gefährden“, sagte Schweitzer dem ‚Handelsblatt‘. „Wir brauchen stattdessen kurzfristig eine Reform des Insolvenzrechts.“ Es bedürfe neuer Verfahren außerhalb der klassischen Insolvenz. „Ziel muss es sein, dass Unternehmen zum Beispiel mit ihren wichtigsten Gläubigern Sanierungsmaßnahmen vereinbaren können“, fügte Schweitzer hinzu.
Nicht nur der DIHK-Präsident glaubt, dass durch die Verlängerung der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht Zombie-Unternehmen entstehen können. Es wird befürchtet, dass es rund 550.000 solcher Firmen bereits gibt, die dank der Insolvenzaussetzung verdeckt überschuldet sind. Die Zahl könnte bis März auf 800.000 steigen, erklärt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform, und fügt hinzu: „Die Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag. Denn die Insolvenzen werden derzeit nur verschoben. Dadurch könnten viele derzeit noch gesunde Firmen mit in den Abgrund gerissen werden.“

Infos: Weitere Informationen finden Sie auf der Website desBundesministeriums der Justiz und Verbrauchersachutz:
https://www.bmjv.de/DE/Themen/FokusThemen/Corona/Insolvenzantrag/Corona_Insolvenzantrag_node.html

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